Hugo Dingler (1881-1954)

Die Bereiche der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie interessieren mich vorrangig. Ich habe mich besonders intensiv mit Immanuel Kant und Hugo Dingler befaßt (Hinweis: siehe Veröffentlichungen, Bücher). Da letzterer im Gegensatz zu Kant der Vergessenheit anheim zu fallen droht, möchte ich diesen Philosophen hier vorstellen und die wichtigsten Empfehlungen zum Kennenlernen geben:
Hugo Dingler
Schloss Johannisburg

Bild: Schloß Johannisburg, Aschaffenburg. Hier befindet sich das Dingler-Archiv,
Hof- und Stifts-Bibliothek Aschaffenburg:
http://www.hofbibliothek-ab.de

Vortrag: Die Anfangsproblematik in methodischer und protophilosophischer Deutung Hugo Dinglers
Mit Vorbemerkungen zu den Bedingungen des philosophischen Staunens (José Ortega y Gasset). Meinen Gastvortrag anläßlich des 17. Kolloquiums der 'Internationalen Gesellschaft für philosophische Praxis' (IGPP): http://www.igpp.org/, 1.11.02 - 3.11.02, können Sie als pdf-Datei abrufen:
Die Anfangsproblematik in methodischer und protophilosophischer Deutung Hugo Dinglers

 



Einführungsreferate

Die Referate gehen auf meine damalige Tätigkeit als Hilfskraft zurück und eignen sich für alle Leser:

Friedrich Nietzsche
Jean Jacques Rousseau, geistiges Umfeld: Enzyklopädisten u. Voltaire
Die Vorsokratiker
Platon und Aristoteles: Staat und Ökonomie
Von Cicero bis Augustinus
Stoizismus und Römertum

Geeignet für das Hauptstudium:

Nicolai Hartmann

Kolloquiumsvorträge:

Kategorien und Schematismuslehre bei Immanuel Kant (WS 99/00)
Ernst Cassirer -  Kritik des Zeitbegriffs Theodor Ziehens (SS 01)

 



Projekte


Strategien der Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert

In meiner Dissertation befaßte ich mich mit einer Reihe von erkenntnistheoretischen Positionen des 20. Jahrhunderts unter dem Gesichtspunkt ihrer Verschiedenheit. Eingehend zur Sprache kommen besonders unterschiedliche Ansätze wie die von: Gideon Spicker (als Vorläufer) und Ernst Cassirer (Stichwort: Symbol- bzw. Kulturphilosophie), Hugo Dingler (Stichwort: Methodische Philosophie / Methodischer Idealismus), Karl Popper (Stichwort: Rationalismus / evolutionäre Erkenntnistheorie) und Nicolai Hartmann (Stichwort: Ontologie / Realismus). Die Vielfalt vorhandener Erkenntnistheorien hinterläßt gelegentlich ein recht unbefriedigende Gefühl, das sich zugespitzt etwa in der Frage danach äußern könnte, welche von ihnen nun 'richtig' seien und welche nicht. Da aber, näher besehen, jede dieser Theorien 'gute Gründe' für sich aufweisen kann, steht ihr Vergleich vielmehr unter einer Perspektive, die Gerhard Vollmer in seinem Buch 'Evolutionäre Erkenntnistheorie' in bezug auf das Gegensatzpaar Rationalismus - Empirismus treffend auf den Punkt gebracht hat: "Es geht nämlich nicht mehr darum, wer nun recht hat, sondern in welcher Hinsicht und mit welchen Einschränkungen er recht hat." (2. Aufl. 1980, S. 134)
Im Unterschied zu Vollmer ist der Ausgangspunkt der Untersuchung jedoch nicht seinerseits eine bestimmte erkenntnistheoretischen Theorie, sondern er wird bestimmt durch eine Auseinandersetzung mit der Krise der Philosophie, zu deren Überwindung unter anderem eben jene verschiedenen erkenntnistheoretischen Strategien entwickelt worden sind, denen sich diese Arbeit zuwendet. Die Identitätskrise der Philosophie, in welche sie aufgrund der Krise des Idealismus und der Erfolge der Naturwissenschaft geriet, bildet den gemeinsamen und die Erkenntnistheorie des 20. Jahrhunderts nachdrücklich prägenden geschichtlichen Hintergrund, vor dem die unterschiedlichen Positonen auf hermeneutisch-rekonstruktivem Wege jeweils erschlossen und ihre verschiedenen Stoßrichtungen bis in einzelne Fragestellungen, Thesen und Methoden hinein miteinander konfrontiert werden.
Im Oktober 2004 ist meine Dissertation mit dem Titel "Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert - Die kontroversen klassischen Positionen von Spicker, Cassirer, Hartmann, Dingler und Popper" an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angenommen worden. Die Ergebnisse meiner vor allem um ein differenzierteres Verständnis der Erkenntnistheorie werbenden Untersuchung sind im Juni 2005 in Buchform beim Georg Olms Verlag (Hildesheim) erschienen. In der Rubrik "Veröffentlichungen" kann das Inhaltsverzeichnis der Arbeit eingesehen werden.

Chronologie: Zur Orientierung dient folgende Zeittafel (pdf-Datei), in der wichtige biographische und bibliographische Daten zu Spicker, Cassirer, Hartmann, Dingler und Popper festgehalten sind: Zeittafel

 

Ernst Cassirer
Im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit der Philosophie Ernst Cassirers habe ich im SS 2001 einen Vortrag in dem kleineren Kreis des Kolloquiums gehalten mit dem Titel: 'Ernst Cassirer - Kritik des Zeitbegriffs Theodor Ziehens'. (Siehe Einführungsreferate weiter oben) Der Zeitbegriff bei Cassirer - so scheint es mir gegenwärtig - ist in nicht unbeträchtlichem Maße problematisch (vgl. Ernst Wolfgang Orth / Hugo Dingler im vorliegenden Aufsatz) Die hier vorgelegte Version stellt lediglich einen ersten tastenden Versuch dar und sollte nicht als überarbeitetes und abgeschlossenes Zeugnis mißverstanden werden - dessen ungeachtet scheint mir die vielschichtige Problematik der Zeit selbst interessant und gehaltvoll genug, den Entwurf dem kritischen Leser präsentieren zu dürfen.

Teilweise kommentierte Auswahl einführender
Literatur zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie:
[link]

Hierunter folgen weitere Links zu einigen der oben genannten Philosophen, die ich z.t. öfters für meine Internet-Forschung bez. der Promotion nutz(t)e (für Dingler, Rensch u. Ziehen finden Sie Links und Hinweise auf diesen Webseiten):

Links:

Ernst Cassirer (1874-1945)
(Auswahl):

International Ernst Cassirer Society Website (leider seit langer Zeit außer Betrieb):
http://www.cassirer-society.org
darunter u.a. zur Einführung die lesenswerte Biographie von John Michael Krois, 'Zum Lebensbild Ernst Cassirers (1874-1945)':

Die vergessene Tradition. Eine Erinnerung an Ernst Cassirer. Von Patrick Conley (Sendemanuskript):
http://www.radio-feature.de/cassirer.html

Stefan Groß (Aufsatz): Ernst Cassirer. Die Philosophie der Symbolischen Formen:
http://www2.uni-jena.de/philosophie/phil/tr/7/hogrebe2.php

Warburg-Haus, Hamburg. Hier befindet sich die Ernst-Cassirer-Arbeitsstelle ECA. Mit Berichten und Reden etc. insbes. von Birgit Recki zum Werk Cassirers oder auch zur Davoser Disputation 1929 zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger, ferner ein Festvortrag von Ernst Wolfgang Orth über 'Ernst Cassirer und die Kulturbedeutung der Wissenschaften':
http://www.warburg-haus.hamburg.de/eca/eca.htm

 

Wolfgang Cramer (1901-1974)
(Auswahl):

'Die' Wolfgang-Cramer Website der Internationalen Gesellschaft 'System der Philosophie' mit zahlreichen weiterführenden E-Texten etc.:
http://h2hobel.phl.univie.ac.at/asp/wcramer.htm
Einführender Aufsatz von Stefan Groß zu Cramers Theorie des Absoluten:
http://www2.uni-jena.de/philosophie/phil/tr/12/gross.php

 

Karl Popper (1902-1994)
(Auswahl):

Das Nieman-Web zum kritischen Rationalismus allgemein (Hans Albert, Karl Popper etc.):
http://www.opensociety.de/Web1/

The Karl Popper Web:
http://www.eeng.dcu.ie/~tkpw/

UB Uni Klagenfurt, Karl-Popper-Sammlung:
http://www.uni-klu.ac.at/ub/sondersammlungen/karl-popper-sammlung/index.html

Karl Popper Institut (mit Möglichkeit zur Online-Recherche in Poppers Bibliographie):
http://www.univie.ac.at/science-archives/popper/de/index.html

 

Nicolai Hartmann (1882-1950)
(Auswahl bis auf vereinzelte Dokumente im Web kaum vorhanden!):

Zentrale Begriffe aus Hartmanns Lehre in Peter Möllers 'Philolex' (siehe Personenregister):
http://www.philolex.de/philolex.htm

Spuren zu Hartmann (Suchfunktion nutzen!) finden sich auf der italienischen Webseite allgemein zur Formalontologie
(in engl. Sprache):
http://www.formalontology.it/index.htm
Besonders interessant ist die um eine ausführliche Hartmann-Bibliographie ergänzte Einführung 'The New Ontology of Nicolai Hartmann':
http://www.formalontology.it/hartmannn.htm

METAPHYSICA - International Journal for Ontology & Metaphysics
Die speziell Ontologie und Metaphysik gewidmete Zeitschrift (hg. von Rafael Hüntelmann, Uwe Meixner und Erwin Tegtmeier) stellt ein internationales Forum für den neuen 'ontologycal turn' im Anschluß an die angelsächsische Analytische Philosophie dar. Insbesondere klassische neue Ontologien, wie u.a. die von Nicolai Hartmann (vgl. hierzu die auszugsweise downloadbaren Arbeiten von Rafael Hüntelmann, in dt. Sprache) finden hier neuerlich Berücksichtigung:
http://www.metaphysica.de/

 

Moritz Schlick (1882-1936)
In fast allen gängigen Einführungen und Stichwortverzeichnissen zum Thema Erkenntnistheorie findet Schlicks 'Allgemeine Erkenntnislehre' Erwähnung. Eine kritische Gesamtausgabe des Werkes ist geplant. Einzelheiten zur Ausgabe und Genaueres über den Physiker und Philosophen sowie Begründer des 'Wiener Kreises' finden Sie bei der Moritz-Schlick-Forschungsstelle:
http://www.moritz-schlick.de

Zum Wiener Kreis allgemein siehe das Institut Wiener Kreis - Verein zur Förderung wissenschaftlicher Weltauffassung:
http://www.univie.ac.at/ivc/

 

Neuere analytische Erkenntnistheorie - 'moderne Erkenntnistheorie - traditionelle Erkenntnistheorie'
Nach der neueren analytischen Erkenntnistheorie muß sich sogar Peter Bieri zu den Vertretern 'traditioneller Erkenntnistheorie' rechnen lassen, der 1987 eine viel beachtete Anthologie zur Einführung in die angelsächsische Philosophie der Erkenntnis herausgegeben hat (Analytische Philosophie der Erkenntnis, Weinheim 1987). Bieri bemerkt in seiner generellen Einführung zu den Zielen der analytischen Philosophie: "Es wird der Versuch gemacht, sich alte, klassische Themen anzueignen und sie voranzubringen, indem man sie in neuen Begriffen, in einem neuen und differenzierten Vokabular reformuliert. Zwar hat die Analytische Philosophie der Erkenntnis mit einigen traditionellen Theorien der Erkenntnis - oder doch zentralen Stücken aus ihnen - ziemlich radikal gebrochen. Trotzdem ist es so, daß man in den hier versammelten Texten viele alte Themen in neuem Gewande wiedererkennt. Man würde den Titel dieses Bandes deshalb mißbrauchen, wenn man ihn benutzte, um einen ideologischen Gegensatz zwischen Analytischer Philosophie der Erkenntnis auf der einen Seite und 'traditioneller' oder 'kontinentaler' Erkenntnistheorie auf der anderen Seite zu konstruieren. Eine solche Entgegensetzung wäre rein fiktiv und verriete mehr Unkenntnis als tieferes Verständnis dieses zentralen philosophischen Themas." (S. 9)
Nun ist im Jahr 2001 von Thomas Grundmann ein weiterer beachtlicher Sammelband (Erkenntnistheorie. Positionen zwischen Tradition und Gegenwart. Paderborn 2001) zur neueren analytischen Erkenntnistheorie herausgegeben worden, in dem Grundmann den von Bieri zurückgewiesenen Gegensatz neuerlich forciert.
Aufschlußreich ist der einführende Beitrag von Grundmann mit dem prägnanten Titel 'Die traditionelle Erkenntnistheorie und ihre Herausforderer' (S. 9-29). Ein Auszug:
"Bereits seit einer ganzen Reihe von Jahren werden die Grundpfeiler der traditionellen Erkenntnistheorie durch neuere einflußreiche Strömungen der Philosophie in Frage gestellt. Die Vertreter eines radikalen Naturalismus reduzieren das Phänomen der Erkenntnis auf einen objektiven Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung. In der Philosophie des Geistes wurde das traditionelle Bild durch die Thesen des Gehalts-Externalismus und die Diskussion über die Möglichkeit eines nicht-begrifflichen Wahrnehmungsgehalts nachhaltig erschüttert. Der vor allem vom späten Wittgenstein ausgehende Kontextualismus betont die Interessenrelativität erkenntnistheoretischer Phänomene und klagt die traditionell vernachlässigte soziale Dimension des Wissens ein." (a.a.O. S. 9)

Durch neun wesentliche Thesen wird nach Grundmann das 'traditionelle Paradigma' systematisch charakterisiert, das allerdings in Reinform in der erkenntnistheoretischen Tradition von niemanden vertreten worden sei. Vergleiche für folgende Zusammenfassung a.a.O. S. 14-16.
1) methodologischer Apriorismus
Die Theorie der Rechtfertigung beantwortet die erkenntnistheoretischen Fragen ohne Rekurs auf empirisches Wissen. Die Natur der Rechtfertigung wird durch Begriffsanalyse expliziert. Umfang und Kriterien gerechtfertigter Meinungen sollen synthetisch a priori gerechtfertigt werden. Die Theorie der Rechtfertigung spielt die Rolle einer ersten Philosophie - sie soll die Grundlagen des empirischen Wissens im allgemeinen sichern. (angeführter Vertreter: der Kantianer Rudolf Eisler)
2) Antipsychologismus
Für die traditionelle Rechtfertigungstheorie ist die Beantwortung erkenntnistheoretischer Fragen vollkommen unabhängig von Wissen über kausale Beziehungen zwischen mentalen Zuständen oder Wissen über die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. (angeführter Vertreter: der Kantianer Rudolf Eisler)
3) epistemologischer Internalismus
(These von der 'Transparenz der Gründe') Danach sind rechtfertigende Tatsachen so beschaffen, daß sie dem epistemischen Subjekt durch bloße Reflexion direkt zugänglich sind. (angeführter Vertreter: Roderick Chisholm)
4) erkenntnistheoretischer Individualismus
These: Die Rechtfertigung jeder Meinung darf ausschließlich auf Informationen beruhen, die das epistemische Subjekt selbst rechtfertigen kann. Erkenntnistheoretische Arbeitsteilung wird ausgeschlossen. (angeführter Vertreter: John Locke)
5) Anti-Reduktionismus
These: Rechtfertigende Tatsachen können nicht auf nicht-epistemische Tatsachen zurückgeführt werden. (angeführtes Beispiel: das Argument des 'naturalistischen Fehlschlusses' (vom Sein zum Sollen)
6) Anti-Kontextualismus
These: Die Rechtfertigung ist nicht relativ zu den wandelbaren sozialen und physikalischen Situationen, in denen sich das epistemische Subjekt zufällig befindet. (angeführte Vertreter: Descartes, Roderick Chisholm)
7) Inferenzialismus
These: Eine Meinung kann nur dadurch gerechtfertigt werden, daß sie in bestimmten logischen Beziehungen zu anderen mentalen Zuständen steht, die propositionalen Gehalt besitzen. (angeführte Vertreter: Peter Bieri)
8) Doxastizismus
These: Nur Meinungen haben Rechtfertigungskraft. (von Donald Davidson beschrieben als: '...daß nichts als Grund für eine Meinung in Frage kommt, was nicht selbst eine Meinung ist'.)
9) psychosemantischer Internalismus
These der 'Autonomie des Mentalen': der Gehalt mentaler Zustände wird unabhängig von der sozialen oder physikalischen Umwelt des kognitiven Subjekts individuiert.

Motiviert sind diese Thesen nach Grundmann durch die Idee epistemischer Autonomie (das Bild eines individuellen Subjekts, das in bezug auf erkenntnistheoretische Fragen vollständig autonom ist). Grundmann weist auf die maßgebliche Prägung der traditionellen Erkenntnistheorie durch Descartes und Kant hin und betrachtet die Möglichkeit apriorischen Wissens und die Bedeutung des Subjekts für Wissen und Wissenschaft als 'inzwischen fragwürdig geworden'.

Der Sammelband bietet ferner eine nach Themen strukturierte umfangreiche Bibliographie (Resultat einer Kooperation verschiedener Autoren des Bandes). Auf folgende Internetquelle wird u.a. verwiesen (vgl. a.a.O. S. 378.):

The Epistemology Page, by Keith DeRose
http://pantheon.yale.edu/~kd47/e-page.htm
Der renomierte Erkenntnistheoretiker Keith DeRose informiert über die allerneueste Literatur zur Erkenntnistheorie.

 

Heinrich Barth (1890-1965) - Erkenntnis im Lichte praktischer Vernunft
Zeitgleich mit Heideggers Hauptwerk 'Sein und Zeit' (1927) erscheint Barths 'Philosophie der praktischen Vernunft'. In seinem zweiten, auf die beiden Bände der "Philosophie der Erscheinung" (1947, 1959) folgenden, Hauptwerk "Erkenntnis der Existenz" (1965) hält Barth rückblickend fest: "Allein bereits Kants Philosophie der praktischen Vernunft ist in ihren Grundpositionen Philosophie der Existenz. [...] Die praktische Vernunft erfreut sich einer 'Autonomie', die sie von der Eigengesetzlichkeit der theoretisch-wissenschaftlichen Vernunft unabhängig macht." (Erkenntnis der Existenz, Basel 1965, 48.) Wer annimmt, daß sich die Zuständigkeit für den Themenbestand der Erkenntnistheorie auf das Gebiet wissenschaftlicher Beobachtungen und elaborierter Theorien beschränkt, und wer darüber hinaus befürchtet, daß die Existenzphilosophie einer "Mondlandschaft mit erloschenen Kratern" (Erkenntnis der Existenz, Vorwort) gleichen müsse, der hat sicher noch nie ein Buch von Heinrich Barth in der Hand gehabt. Leider ist Barth - er war verspäteter Neukantianer (Studium u.a. in Marburg bei Cohen, Cassirer und Natorp) und zeitweiliger Basler Kollege von Karl Jaspers - und mit ihm seine systematische Entwicklung der Erkenntnis als ein genuin praktisches, handlungsbezogenes Anliegen relativ unbekannt geblieben. Dies ist um so erstaunlicher, als bereits die frühen Barthschen Themen von 1927, u.a. das (transzendentalphilosophische) Begründungsdenken, die Beleuchtung der Diskrepanz zwischen Ethik und Moral und die Herausarbeitung pragmatischer Gesichtspunkte in bezug auf das Erkennen, von ungebrochener Aktualität sein dürften.
Einen Überblick über die Philosophie Barths verschafft ungeachtet der speziellen Themenstellung der 1990 von Günther Hauff, Hans Rudolf Schweizer u. Armin Wildermuth herausgegebene Sammelband: "In Erscheinung treten. Heinrich Barths Philosophie des Ästhetischen." Basel, Schwabe & Co.
Lieferbare Publikationen von und über Barth bietet der schweizer Verlag Schwabe an: http://www.schwabe.ch

Heinrich Barth - Homepage
Umfangreiche Informationen über Barths Leben, Werk, die Barth-Forschung sowie Einführungstexte bietet die Heinrich Barth - Homepage
: http://www.heinrich-barth.ch

 

Sozialphilosophie

Was ist Sozialphilophie? Infolge der vielfachen Differenzierungen der praktischen Philosophie, die ursprünglich nur Ethik sowie Staats- und Rechtsphilosophie umfaßte, ist die Sozialphilosophie in den Ruf einer Verlegenheits- oder Residualdisziplin geraten, unter anderem weil ihre Übergänge zur Soziologie und zur politischen Philosophie inzwischen fließend sind. Wie Axel Honneth in seinem Artikel 'Sozialphilosophie' (Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, hg. Hans Jörg Sandkühler, 4 Bde., Hamburg 1990) überzeugend festhält, ist für die Aufgabenbestimmung der Sozialphilosophie deshalb eine Rückbesinnung auf ihre traditionelle Herkunft sinnvoll. Unter diesem Gesichtspunkt wird nach Honneth nämlich deutlich, daß es in der Sozialphilosophie "über einen langen Zeitraum im wesentlichen um eine Bestimmung und Erörterung von solchen Entwicklungsprozessen der Gesellschaft gegangen ist, die sich als Fehlentwicklungen oder Störungen, eben als 'Pathologien des Sozialen', begreifen lassen".

Paul Jostock (1895-1965) - Vordenker der Sozialreform und Demokratiegestaltung
An die unter anderem von Rousseau, Hegel und Marx geprägte Tradition der sozialphilosophischen Fragestellungen knüpft auch das sozialkritische Werk des Köwericher Ehrenbürgers, Sozialreformers und international anerkannten Statistikers Paul Jostock an. Die von ihm formulierten sozialphilosophischen Prinzipien entstammen der katholischen Soziallehre, deren eigenständigen Charakter er ebenso deutlich betont wie sein ungleich bekannterer Zeitgenosse Oswald von Nell-Breuning. Mit Hilfe vor allem der Grundprinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität entwickelt Jostock eine Position jenseits des individualistisch-liberalen Kapitalismus und zugleich jenseits des Sozialismus und Kollektivismus, die er beide für verfehlte Extreme in der Verhältnisbestimmung zwischen Individuum und Gesellschaft hält. Gleichwohl werden beide Extreme nicht bloß von der Hand gewiesen, sondern einer eingehenden Kritik unterzogen, die von einer umfassenden Kenntnis sowohl der nationalökonomischen Theorien und Analysen (einschließlich der Werke von Marx) als auch der volkswirtschaftlichen realen Verhältnisse zeugt. Der von Jostock eingeschlagene dritte Weg ist der von Heinrich Pesch systematisch begründete christlichen Solidarismus, der nach 1945 vor allem im Konzept der sozialen Marktwirtschaft wirksam wurde. Mit diesem Konzept ist bereits durch den Grundgedanken: "So viel Freiheit wie möglich, so viel Bindung wie notwendig“ das Subsidiaritätsprinzip verknüpft, dem später im Maastrichter "Vertrag über die Europäische Union“ (1992) internationale Bedeutung verliehen wurde.
- Eine allgemeinverständliche Einführung in das Denken Paul Jostocks bietet seine Schrift "Grundzüge der Soziallehre und der Sozialreform", die unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erschienen ist (1946) und im Jahr 2006 neu herausgegeben wurde (S. Roderer Verlag, Hg. Kirstin Zeyer).
- 2006 ist ferner ein Sammelband erschienen, der die Beiträge vereint zu den 5. Köwericher Akademischen Tagen 2005 (http://www.koakta.de) anläßlich des 40. Todestages von Paul Jostock mit dem internationalen Symposion "Soziale Gerechtigkeit – Zur Würdigung Paul Jostocks“ (S. Roderer Verlag, Hgg. Harald Schwaetzer, Henrieke Stahl, Kirstin Zeyer).

- Anfang Mai 2007 erschienen: Zeyer, Kirstin: Paul Jostock (1895-1965) – Christlicher Widerständler und Sozialreformer aus der Trierer Region. Eine Einführung in Leben und Werk. Regensburg 2007. (= Philosophie Interdisziplinär Bd. 20)
Siehe Rubrik Veröffentlichungen für das detaillierte Inhaltsverzeichnis.
Das Buch ist als eine erste Orientierung gedacht; es gliedert sich in drei Teile: Teil I orientiert ausführlich über Leben und Werk (mit zahlreichen fotogr. Abb.); Teil II behandelt sozialphilosophische Hintergründe wie etwa den Solidarismus als 'Dritter Weg' zwischen Sozialismus und Kapitalismus, Jostocks Auseinandersetzung mit Marx und dem Marxismus, die Wurzeln der christlichen Soziallehre sowie die Aktualität Jostocks (besonders in bezug auf kulturelle und soziale Einigungsprozesse in Europa), Teil III bildet den Anhang mit Tagebuch-Auszügen, einer Zeittafel sowie einer ausführlichen Bibliographie.

Zeittafel (ausgewählte Stationen und Veröffentlichungen):
1895: Paul Jostock wird am 17. Dezember in Köwerich/Mosel geboren.
1920-1923: Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln, München, Würzburg und Freiburg.
1923-1927: Assistent beim Nationalökonomen und Soziologen Götz Briefs (1889-1974). 1925: Promotion in Freiburg bei Götz Briefs zum Dr. rer. pol. 1927: Dissertation: Die Zukunft des Kapitalismus in der sozialwissenschaftlichen Literatur. Freiburg i. Br.
1927-1944: Statistisches Reichsamt Berlin; 1927 anfänglich als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (auf dem Gebiet der Finanz- und Steuerstatistik).
1928: Der Ausgang des Kapitalismus. Ideengeschichte seiner Überwindung. München/Leipzig.
1930-1933: Referent für Öffentliche Finanzen beim Institut für Konjunkturforschung Berlin
1930: Mitglied des sogenannten Königswinterer Kreises, zu dem u.a. Götz Briefs, Oswald von Nell-Breuning (1890-1991), Heinrich Pesch (1854-1926) und Gustav Gundlach (1892-1963) gehörten. Der von dem späteren Aachener Bischof Josef van der Velden gegründete Kreis erarbeite die Grundlagen für die Sozialenzyklika Pius XI. "Quadragesimo anno“ (1931).
1932: Der deutsche Katholizismus und die Überwindung des Kapitalismus. Eine ideengeschichtliche Skizze. Regensburg.
1933: Nach 1933 Ablehnung mehrerer Angebote zur Übernahme fachwissenschaftlicher Aufgaben und Lehraufträge, weil er weder direkt noch indirekt das NS-Regime unterstützen wollte.
1941: Die Berechnung des Volkseinkommens und ihr Erkenntniswert. Stuttgart/Berlin.
1944: Kurz vor seiner Bombenverschüttung im Mai fand eine geheime Besprechung von Widerstandskämpfern des 20. Juli in seiner Wohnung statt. Den Krieg überlebte er versteckt im Schwarzwald.
1945-1947: Direktor des Statistischen Landesamtes Nordbaden in Karlsruhe. 1946: Kommissarische Leitung des Württembergischen Statistischen Landesamtes in Stuttgart (zusätzlich zu Karlsruhe). 1947: Direktor des Statistischen Landesamts Stuttgart; Mitglied und später Korrespondent nur Deutschland der International Association of Research in Income and Wealth.
1946: Grundzüge der Soziallehre und der Sozialreform. Freiburg i. B.; Das Proletariat. Die grosse soziale Wunde unserer Zeit. Karlsruhe.
1948: Die Sozialen Rundschreiben: Papst Leo XIII. Über die Arbeiterfrage (Rerum novarum); Papst Pius IX. Über die gesellschaftliche Ordnung (Quadragesimo anno). Aus dem Lat. übersetzt. Mit Erläuterungen von Paul Jostock. Freiburg i. B.
1952: Mitglied des Internationalen Statistischen Instituts in Den Haag.
1953-1961: Präsident des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart.
1955: Das Sozialprodukt und seine Verteilung. Paderborn; The Long-Term Growth of National Income in Germany.
1962: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
1965: Der Deutsche Gewerkschaftsbund spricht ihm den Kulturpreis des Deutschen Gewerkschaftsbundes 1965 zu. 24. April: Tod in Stuttgart. 19. Juli: Verleihung des Kulturpreises des DGB 1965 an Prof. Eduard Heimann und (postum) Dr. Paul Jostock im Recklinghäuser Haus der Ruhrfestspiele.

Weil die generelle Motivation zur politischen Beteiligung und Bildung in Jostocks sozialphilosophischen Ideen allgegenwärtig ist, bieten sie gerade auch einer breiteren Öffentlichkeit, und nicht nur dem Fachpublikum, zahlreiche Anknüpfungspunkte. Als ein Leitmotiv wider die politische Teilnahmslosigkeit erscheint mir hier besonders die Auffassung Jostocks beherzigenswert, daß es die Pflicht des Staatsbürgers sei, sich täglich aufs Neue zu sagen: „Tua res agitur! (Es handelt sich um deine eigene Sache.)“

Links (Auswahl):
Paul Jostock im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon:
http://www.bautz.de

Jostock-Text (1955) im Internet:
The Long-Term Growth of National Income in Germany

Artikel "Familienwiss. Politikberatung“ von Max Wingen (zugleich Würdigung von Paul Jostock):
http://www.familienhandbuch.de

Artikel "Familienwissenschaft im Anspruch der Familienpolitikberatung“ von Max Wingen:
http://www.statistik-bw.de

1300 Jahr Feier. Symposium Ehrenbürger Dr. Paul Jostock (17.09.2004) in Köwerich. (Abbildung und Lebenslauf):
http://www.koewerich.com/1300-symposium.htm

Soziale Gerechtigkeit. 5. Köwericher Akademische Tage. Zur Würdigung Paul Jostocks. Anlässlich seines 40.-jährigen Todestages. 22.-24. April 2005 in Köwerich. (Programm):
http://www.koakta.de

Frankfurter Hefte, in denen Jostock publizierte, z.B. in Heft 2 (1946). Zur Entstehung aus dem linkskatholischen Milieu siehe unter 'Profil’:
http://www.frankfurter-hefte.de

Die neue Ordnung, eine 1946 von Eberhard Welty gegründete Zeitschrift, in der Jostock publizierte:
http://www.die-neue-ordnung.de

Europäisches Zentrum für Föderalismusforschung, Tübingen:
http://www.uni-tuebingen.de/ezff

Übersichtsseite der EU über Maßnahmen für die regionale Entwicklung:
http://europa.eu.int/comm/regional_policy/index_de.htm

Informationen über die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), deren erfolgreiches Bemühen, zu einer besseren Vergleichbarkeit der in den verschiedenen Ländern verwendeten Volkseinkommensbegriffe zu gelangen, u.a. auf Jostocks statistischer Methode basierte:
http://www.oecd.org

Karl-Marx-Haus, Trier.
Der Ausgangspunkt im Internet für die Auseinandersetzung mit Karl Marx. Informationen u.a. über das (besuchenswerte!) Museum und das angeschlossene Studienzentrum. Sehr hilfreich ist die online recherchierbare umfangreiche Bibliothek:
http://www.fes.de/marx



Das Verhältnis Tier und Mensch ('Tierethik')

Die Frage "Was bedeuten uns Tiere?" führte zuerst im November 2013 (22.-24.) zur Organisation einer Tagung zus. mit Matthias Vollet an der Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte. Der Fokus lag auf historischen und systematischen Erkundungen von der antiken Tieropferkritik bis zur modernen theologischen Zoologie: Seit Beginn der europäischen Schriftkultur setzen sich literarische und philosophische Texte mit Tieren als eigenständigen Objekten der Beschreibung und Erforschung auseinander, und von Beginn an sind sie immer auch literarische Gegenstände, oft in Beziehung auf den Menschen behandelt – so in den Fabeln Äsops oder den Komödien des Aristophanes, in den wissenschaftlichen Werken des Aristoteles und den Metamorphosen des Ovid. Auch im Mittelalter werden Tiere zugleich beschrieben und symbolisch aufgewertet; sie werden betrachtet als Geschöpfe mit ihren eigenen (niedrigeren) Erkenntnisfähigkeiten, deren Beschreibung oft zur Abhebung der menschlichen Fähigkeiten dient; zugleich können Sie eine (auch unheilvolle) Rolle in religiösen Zusammenhängen haben, ja können sogar in Gerichtsprozessen angeklagt werden. In der Neuzeit wird das Tier verstärkt zum natürlichen Automaten, in der allerletzten Zeit erst sind sie zum Gegenstand eigener ethischer, philosophischer und theologischer Betrachtung in der Forschung geworden.
Die Resultate dieser vielschichtigen Tagung zum Verhältnis von Tier und Mensch sind in der Zeitschrift Coincidentia erschienen:

Coincidentia - Zeitschrift für europäische Geistesgeschichte, Bd. 6/2 2015: Tier und Mensch. Hg. K. Zeyer zus. mit Wolfgang Christian Schneider. Bernkastel-Kues / Münster. (568 S.) Mit Beiträgen von W.Chr. Schneider: Das Tieropfer und seine Kritik; K. Zeyer: Tiere bei Nikolaus von Kues; E. Filippi: Bilder einer "Pferd-orientierten" Ethik; H.W. Ingensiep: Affe und Mensch in der frühen Neuzeit; Th. Hoffmann: Sind Tiere transzendentale Subjekte? W. Morosow: Ornithologie und Kunst der Selbstsorge; D. Thiel: Von Fischen und Menschen; D. Bartosch: Tierethik in der chinesischen Tradition; S. Ehlert: Recht auf Leben und Freiheit!; K. J. Haug: Widersprüche bei Tierversuchen. Erhältlich bei der Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte oder beim Aschendorff Verlag Münster.

"sämtliche Geschöpfe zu einer universalen Familie verbunden", so lautete das Motto einer weiteren Veranstaltung, die im Mai 2016 (28.) zus. mit dem Titus Brandsma Institut im besonderen Huize Wylerberg in Beek-Upbergen (bei Nimwegen / Niederlande) durchgeführt werden konnte. Das expressionistische Gebäude mit wechselhafter Geschichte beherbergt heute u.a. verschiedene Naturschutzverbände. Das Symposion widmete sich insbesondere der Aufgabe und Bedeutung einer Gemeinschaft der Geschöpfe im Anschluss an Laudato Si: "Wissenschaft, Religion und Philosophie: Nicht weniger als alle Formen der Weisheit in einen produktiven Dialog treten zu lassen fordert die päpstliche Enzyklika Laudato Si’ mit Blick auf eine ganzheitliche Ökologie. Für den Christen kann dabei die Weisheit der biblischen Erzählungen zu einer Quelle der Motivation werden. Den Schöpfungsberichten im Buch Genesis zufolge gründet das menschliche Dasein auf einer engen Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zur Erde. Geboten ist die Wiederherstellung der Harmonie einer an der Anmaßung des Menschen zerbrochenen Beziehung, geht es doch nicht darum, uns die Erde zu 'unterwerfen', sondern sie – wie eine Gabe – zu 'bebauen' und zu 'hüten', was eine Wechselseitigkeit zwischen dem Menschen und der Natur einschließt. Den Implikationen und Perspektiven dieser Beziehung geht das Symposion nach, wobei ein Schwerpunkt auf die Frage nach dem gerechten Verhältnis zwischen Mensch und Tier gesetzt wird sowie auf die Formen und Traditionen von Spiritualität."

 



Reisehinweise


Nicht zuletzt auf Reisen interessiert mich die Philosophie. Ein empfehlenswerter Reisebegleiter für die Griechenlandreise ist der philosophische Reiseführer von Klaus Held 'Treffpunkt Platon'. Mehr darüber erfahren Sie in den Einführungsreferaten zur Antike. Hier zwei praktische Reisehinweise:


Chalkidike:
Stágira - Heimatort des Aristoteles
Peloponnes:
Überblick und Routenvorschlag


Bild: Marmorne Statue des Aristoteles im modernen Stágira

Aristoteles

 

 

(c) Alle Rechte vorbehalten, 1999ff.
Kirstin Zeyer, Münster,

http://www.kirstin-zeyer.de